»Ein deutscher Dichter zu sein ist für den heutigen deutschen Juden wohl die schwerste Prüfung und Erprobung – nach beiden Seiten!«
Diese Äußerung Wolfskehls in einem Brief vom 1. 6. 1935 an den Freund Abraham Scholem Yahuda offenbart bereits den ganzen Zwiespalt des Dichters, der, aufgewachsen in und mit deutscher Kultur, aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1933 ins Exil fliehen musste.
Gerade im Exil erlangte Wolfskehls Auseinandersetzung mit dem Judentum jedoch eine eigene Qualität und prägte den Prozess einer neuen Selbstfindung entscheidend. In zahlreichen Briefen reflektiert Wolfskehl über seine Stellung in der Welt, sieht sich als Angehöriger beider »Gruppen«, der Deutschen wie der Juden. Zu Wolfskehls dichterischer Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Tradition gehören seit 1934 auch Übersetzungen geistlicher hebräischer Lyrik aus dem Mittelalter, ein Vorhaben, das Wolfskehl vor große Herausforderungen stellte. An den Übersetzungen, die in den Almanachbänden des
Schocken Verlages
erschienen, und der anschließenden Reaktion anderer jüdischer Intellektueller wird die Komplexität der Übersetzungsarbeit ersichtlich.
Da Wolfskehl des Hebräischen nicht kundig war, war er auf Rohübersetzungen anderer angewiesen, ebenso auf Beschreibungen des Originalklanges, -rhythmus und des Inhalts. Die
hebräischen Dichtungen waren im Musivstil gehalten und mit zahlreichen Bibelanspielungen und Talmudbezügen versehen, welche für Wolfskehl häufig schwer erschließbar waren. Daher konnte der spezifische Charakter der Texte in den Übersetzungen nur teilweise vermittelt werden. Die Arbeitsweise – zunächst Rohübersetzung, dann dichterische Bearbeitung durch Wolfskehl – ist jedoch auch symptomatisch für Wolfskehls dichterische Spurensuche, die trotz sprachlicher Hindernisse eine lyrische Auseinandersetzung mit der eigenen und dennoch unbekannten jüdischen Dichtungstradition erprobt.